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Ansätze in der ambulanten Suchthilfe – eine Einordnung

Im Gespräch mit der ARWED, nimmt Frank Schulte-Derne, Koordinationsstelle Sucht des LWL (LWL_KS), eine Einordnung der Ansätze in der ambulanten Suchthilfe aus professioneller Sicht vor.

Vielen Dank, Herr Schulte-Derne, vorab, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erkärt haben und sich Zeit dafür nehmen!

Unser top-Thema in diesem Newsletter beschäftigt sich mit den Angeboten der Ambulanten Suchthilfe. In diesem Zusammenhang würden wir Sie gerne zu Ihrer professionellen Einschätzung befragen.  

Wir möchten vor allem etwas über Möglichkeiten, erfolgreiche Ansätze, Methoden und Konzepte in der Suchthilfe erfahren.

Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie schwierig es oft ist, mit unseren betroffenen Söhnen und Töchtern in ein konstruktives Gespräch zu kommen.

Wie kommen die Berater in den Drogenberatungsstellen in einen guten Dialog mit den Betroffenen? Gibt es beispielsweise erprobte Konzepte, die in den Beratungsstellen umgesetzt werden?

Vorweg, es gibt kein Patentrezept.
Die Motivierende Kurzintervention (= MOVE) und die Motivierende Gesprächsführung (= MI Motivational Interviewing) kommen in NRW sicherlich am häufigsten zur Anwendung. Wir bieten regelmäßig Fortbildungen zu dem MI-Ansatz. Diese werden durch Trainer und Trainerinnen aus dem MINT-Netzwerk (Motivational Interviewing Network of Trainers) angeboten. Diese Ansätze sind sehr gut evaluiert. Aus meiner eigenen Berufspraxis heraus sind diese Ansätze sehr hilfreich.


Können Sie uns noch weitere Vorgehensweisen nennen , die sich in der Praxis bewährt haben?

Durch eine zieloffene Suchtarbeit haben Berater und Beraterinnen nicht das alleinige Ziel der Abstinenz im Blick. Man arbeitet stattdessen an dem jeweiligen Ziel der Klient*innen. Dies kann Abstinenz genauso wie Reduktion, Stabilisierung oder auch kleinere Veränderungsschritte beinhalten. Dies setzt eine akzeptierende Grundhaltung voraus.
Außerdem haben lösungs- und ressourcenorientierte Ansätze und systemische Beratungsansätze eine besondere Bedeutung in der Praxis.

Welche Ziele werden mit den Betroffenen vereinbart?

Das Spektrum der ambulanten Suchthilfe ist ein sehr breites: Es geht um Motivationsarbeit, Beratung und Begleitung, Vermittlung in weiterführende Hilfen und Netzwerkarbeit vor Ort.
Oft geht es darum, betroffene Menschen wieder in ihre sozialen Handlungssysteme zu (re)integrieren – das bezieht sich beispielsweise auf die Familie, Schule, das soziales Umfeld, die Wohnung, die Arbeitswelt, den Freizeitbereich etc. In der Regel ist auch die Suchtprävention in der ambulanten Suchthilfe verortet. Dort geht es auch darum, Lebenszusammenhänge von Menschen positiv zu beeinflussen und die individuellen Kompetenzen zu stärken.

Das klingt gut, ist aber sicher nicht ganz so einfach umzusezten. Wie ist da Ihre Erfahrung?

Zu Beginn besteht die Herausforderung darin, eine gute Arbeitsbeziehung herzustellen. Ein solches Arbeitsbündnis zwischen Klienten und Beratenden macht eine weitere Hilfeplanung erst möglich. Ich denke, hier liegt auch eine der großen Stärken der Sozialen Arbeit und der ambulanten Suchthilfe.

Und wie geht es dann weiter ?

Die Beratungsstellen übernehmen dann die Hilfeplanung und koordinieren die notwendigen Hilfen im Sinne eines Case Managements. Dabei bieten sie vielfältige Angebote selbst an: Prävention, Beratung und Begleitung, betreutes Wohnen, Frühintervention, teilweise auch Suchtbehandlung etc. Sollten Hilfen nicht selbst vorgehalten werden wird an externe Hilfeanbieter weitervermittelt. Die Beratungsstellen verfügen in der Regel über ein umfangreiches regionales und überregionales Netzwerk.

Werden auch Ex-User in die Beratung von Abhängigen eingebunden?

In meiner Wahrnehmung unterscheidet sich das noch sehr deutlich. Die Einbeziehung der Kompetenzen von Betroffenen hängt auch vom eigenen Selbstverständis der Einrichtung ab und inwieweit man niedrigschwellig ausgerichtet ist. Dass aus der Psychiatrie bekannte Konzept der Ex-In Genesungsbegleiter*innen erhält hier viel mehr Aufmerksamkeit. In der LWL-KS bilden wir gemeinsam mit Akzept e.V. und der Detuschen Aidshilfe auch Fachkräfte in der Psychosozialen Begleitung Substituierter aus. Die Vermittlung von Selbsthilfeansätzen und die Ansätze der Einbindung von Ex-Usern haben hier einen festen Platz in der Weiterbildung.

Gibt es noch weitere Ansätze, wie man ehemals Abhängige Menschen mehr einbinden kann?

Ein konkretes Beispiel: Die LWL-KS begleitet seit Jahren das Thema „Sucht und Männlichkeiten“ und bereitet dies für verschiedene Settings der Suchthilfe auf. Ganz aktuell waren wir in NRW damit beschäftigt, wie das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommen kann. Hierbei haben wir die Selbsthilfe von Beginn an einbezogen und abhängigkeitserkrankte Männer haben ihre Perspektiven eingebracht. In einer mehrteiligen Filmreihe kommen sie mit ihrem persönlichen Expertenwissen gleichberechtigt zur Sprache. Generell wird der Aspekt der Partizipation der „Zielgruppen“ gerade in der Projektfinanzierung zunehmend mehr (zu Recht) von den Geldgebern gefordert.

Das ambulante betreute Wohnen ist ein starker Pfeiler im Suchthilfesystem. Können Sie bestätigen, dass diese Maßnahme im Leben der Betroffenen sehr viel verändert?

Das ambulant betreute Wohnen verfolgt das Ziel, den Klientinnen und Klienten eine Teilhabe an der Gesellschaft sowie ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Mit diesem Auftrag ist das Angbot ein wichtiges Angebot der Suchthilfe!

Wie werden die Betroffenen da konkret unterstützt?

Der individuelle Hilfe- und Unterstützungsbedarf wird zwischen Anbieter, Klient und Kostenträger erhoben, laufend reflektiert und auf die vereinbarten Ziele hin überprüft. Dazu gehören beispielsweise:
Die Sicherung der Existenzgrundlage, Strukturierung von Tages- und Wochenabläufen, Verbesserung der Selbst- und Fremdwahrnehmung, Erarbeitung von Perspektiven, Stabilisierung bei psychischen Problemen usw.

Welche besonderen Programme gibt es in der Suchthilfe?

Es gibt in der ambulanten Suchthilfe eine Vielzahl von Prgrammen, die zur Anwendung kommen. Zunehmend werden evaluierte Programme eingesetzt, die theoretisch sehr gut begründet sind und auch evaluiert wurden. Das sind zum Beispiel die Multidimensionale Familientherapie (MDFT), Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten (FreD), das Selbstkontrolltraining (Skoll), Gemeindeunterstützte Suchttherapie unter Einbeziehung von Angehörigen (Craft).
Die LWL-KS unterstützt Kommunen im Rahmen der Suchthilfeplanung. Manchmal geht es dabei auch „nur“ um die Überarbeitung und Anpassung bestehender Einrichtungskonzepte. Dabei wird dann auch überprüft, ob und wie das bestehende Angebotsportfolio zu den bestehenden Bedarfen passt und ein Einsatz dieser Programme Sinn machen kann. Mittlerweile git es auch Datenbanken, wie z.B. die „Grüne Liste“, auf der man empfehlenswerte Programme findet, die schon erprobt sind.

Wie ist die Nachfrage und das Angebot für Eltern in den Beratungsstellen?

Die Nachfrage von Eltern oder anderer Angehöriger für Beratungs- und Hilfsangebote existiert in den Beratungsstelen.
Auch bei unserem Früh- und Kurzinterventionsprogramm FreD für junge Konsumenten, haben wir exemplarisch herausgearbeitet, dass ein begleitendes Angebot für Eltern sinnvoll wäre. Eine Erhebung ergab, dass Eltern sich auf jeden Fall ein Angebot wünschen, das allerdings nicht zu zeitintensiv sein sollte, bis zu 2 Tagen oder auch eine Einzelberatung. Ob und in welchem Umfang solche Angebote realisiert werden können, ist aber auch eine Frage der Ressourcen in den Beratungsstelen. Vor einigen Monaten gab es den „Notruf“ zur unzureichenden Finanzierungssituation der ambulanten Beratungsstellen. Die erhobenen und formulierten Bedarfe sind in der Regel höher als das, was mit der derzeitigen Finanzausstattung zu bewerkstelligen ist. Dies betrifft aber alle Bereiche der ambulanten Suchthilfe und nicht nur die Angehörigenarbeit.

Der Elternkreis Köln hat schon mehrmals in Zusammenarbeit mit dem SKM Köln ein Seminar zu dem Thema „Motivierende Kurzinvertention“ veranstaltet. Es ist speziell auf die Bedürfnisse der Eltern zugeschnitten. Es wird als sehr hilfreich empfunden. Wir könnten uns gut vorstellen, dass wir als ARWED, solche oder ähnliche Programme in ganz NRW initiieren helfen. Wie sehen Sie das? Was ist da möglich?

Solche Initiativen, die sich oft aus der (regionalen) Vernetzung heraus entwickeln und auf die spezifischen Bedürfnisse der Eltern abgestimmt werden, sind begrüßenswert. Es ist gut, wenn man mit der Sucht- und Drogenhilfe vor Ort im Gespräch ist und seinen Bedarf benennen kann: „Eigentlich brauchen wir als Elternkreis das … oder wir haben hier interessierte Eltern, die wollen was tun….“ Beratungsstellen haben hierfür offene Ohren und prüfen, was angesichts der gerade benannten eher knapen Ressourcen zu bewerkstelligen ist.

Bieten Sie als LWL im Bereich Weiterbildung auch Seminare mit Inhalten, die speziell auf die Bedürfnisse der Eltern zugeschnitten sind?

Die LWL-KS bietet Fortbildungen für Multiplikatorinnen, die mit Eltern arbeiten, an: „Hilfe mein Kind pubertiert“. Hierbei geht es dann schwerpunktmäßig um die Lebensphase Pubertät und den damit verbundenen (kritischen) Erziehungsphasen. Ein Schwerpunkt ist dabei natürlich: Was ist, wenn mein Sohn, meine Tochter Cannabis, Alkohol oder anderen Substanzen konsumiert. Mittlerweile spielt auch die exzessive und verhaltensauffällige Mediennutzung hierbei eine Rolle.
Das Programm wird an einigen Standorten in NRW und sehr häufig auch in Bayern angeboten.

Herr Schulte-Derne, wir danken Ihnen für das ausführliche und sehr informative Gespräch und die bisherige gute Zusammenarbeit des LWL mit der ARWED. Wir freuen uns auf den weiteren fruchtbaren Austausch mit Ihnen und gemeinsame Projekte in der Zukunft.