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Drogentherapie auf Augenhöhe – wie geht das?

Was Benny half, sich selbst „aus dem Sumpf zu befreien“, welches Fazit er zieht und warum es ein Umdenken in der Suchtbehandlung geben muss.

Nach jahrelangem Konsum unterschiedlichster illegaler Drogen beschreibt  Benny, 27, die verschiedenen Stationen auf seinem Weg aus der Abhängigkeit:

ARWED: Wie waren deine ersten Besuche bei Drogenhilfeeinrichtungen? Warum bist du hingegangen und wie hast du das empfunden?

Benny: Der erste Grund war sicher, der Druck von den Eltern. Man merkts ja erst, dass es zu spät ist, wenn es zu spät ist. Man denkt, man hat kein Problem. In den meisten Anlaufstellen, die ich kennengelernt habe, gab es kein Angebot – außer Therapie. Es wurden sofort Therapieanträge ausgefüllt. Ich hab mich bequatschen lassen und den Leuten dann auch gesagt, was sie hören wollen. Ich habe alles mitgemacht, aber nicht wirklich dahintergestanden. Es ging auch darum, die Eltern ruhigzustellen.

ARWED: Mit 18 warst du Heroinabhängig und hast später am Methadonprogramm teilgenommen. Wie bist du vom Methadon wieder losgekommen ?

Benny: Das ist eine lange Geschichte – habe es mehrfach selber versucht. Runterdosieren – hat nicht richtig funktioniert – dann geht man mal einen Tag nicht hin und man hat direkt wieder Angst vor Entzugssymptomen und holt sich wieder Stoff – hab den Urintest, wenn nötig gefakt – Fremdurin plus Metadon, weil Metadon natürlich positiv sein muss. Der Erste Versuch mit einer Entgiftung im  November 2011 ist fehlgeschlagen – nach nur 1 Tag. Ich wusste, dass meine Ex sofort reagiert, wenn ich anrufe und mich abholt und auch Stoff mitbringt.

ARWED: Noch während deiner Methadonzeit warst du ja auch eine Zeitlang in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung. Was hat dir geholfen?

Benny: Mein Psychotherapeut war immer sehr fordernd. Man wurde automatisch gestresst. Ich hab nicht immer so ganz verstanden, worauf er hinauswill –  war oft schwer zu folgen, weil er gern Fachwörter benutzt hat. Oft habe ich einfach nur zugestimmt ohne wirklich darüber nachzudenken.

ARWED: Die Therapie hatte aber trotzdem sehr positive Effekte. Wie kam das?

Benny: Durch Motivation zum Sport  – Das  mit dem Sport war ja auch ein bisschen meine Idee – und auch meine Schwester hat mich dahin getrieben. Sie meinte, meine Mutter hätte einen größeren Bizeps als ich…. Mein Therapeut hat mich gut durch den Gedanken durchgeführt. Mittlerweile ist der Sport ja mein A und O und wenn ich zu lange nicht zum Sport gehe, werde ich auch unruhig. Ich glaube, dass das auch mit daran liegt, dass du dir die Glückshormone dann woanders herholst. Ich merke das, wenn ich beim Sport war und mich richtig verausgabt habe, bin ich wie ein anderer Mensch. Es werden Endorphine ausgeschüttet und wenn du dich richtig verausgabt hast beim Sport, bist du danach einfach glücklich. Ist für mich eine Art Suchtmitteltausch. Die eine Sucht wird mit der anderen ersetzt. Irgendwie bin ich so gesehen immer noch nicht suchtfrei.

ARWED: Wie kam es, dass der zweite Versuch mit einem Klinikaufenthalt zur Entgiftung 2 Jahre später erfolgreich war?

Benny: Da waren ganz andere Voraussetzungen. Es war eine andere Zeit, ich hatte gar keinen Kontakt mehr zu den alten Leuten. Ich war dann auch nicht mehr mit meiner Ex zusammen. Die hatte mich irgendwie auch runtergezogen, das habe ich damals mit den Drogen verdrängt, um mich nicht darum zu kümmern. Meine neuen Leute (aus der Notunterkunft) hatten eine mega-Abneigung gegen Heroin. Und dann hat der Konsum auch nicht mehr gepasst in mein gesellschaftliches, soziales Umfeld. Deshalb hab ich mich dann zusammengerissen. 

ARWED: Du hast nach Deinem Klinikaufenthalt keine Anschlusstherapie gemacht. Warum?

Das war für mich schrecklich: Gruppensitzung – über Gefühle reden, wenn ganz viele fremde Leute dabei sind. Da gibt’s einen hohen Anteil von Leuten, die kein Geld, keinen Stoff haben oder Therapie statt Strafe machen. Man redet mit den Leuten dort eher über Faxen, die man gemacht hat. Keine ernsten Gespräche. Alle Gefühle, die du zeigst, könnten ja als Schwäche ausgenutzt werden. Teilweise weiß ich auch gar nicht, wie ich mich fühle oder gefühlt habe. Deswegen kann ich das auch nicht in Worte fassen. Ich muss Leute erstmal kennenlernen, bevor ich über sowas mit denen rede. Und wenn dann noch welche dabei sind, mit denen du vorher im Zimmer schon Stress hattest, dann rede ich doch nicht über meine Gefühle. Alle Leute sind gereizt, alle sind sowieso schon schlecht gelaunt, weil die ja von den Drogen runterkommen. Verstehe nicht, warum man das in der Entgiftung so macht, ich finde man müsste da mehr Einzelgespräche machen oder dass man sich bei so etwas ausklinken kann. Viele haben keinen Bock darauf, in ein fremdes Umfeld zu kommen und ein halbes Jahr da ihr Leben zu verbringen. Die Gefahr ist doch auch, ob man nach der Klinik nicht wieder in die alten Kreise oder ähnliche Kreise kommt, weil man sich automatisch untereinander versteht und man kein anderes soziales Umfeld hat.

ARWED: Nach dem Klinikbesuch hast Du keine harten Drogen mehr angefasst. Wie kam das?

Benny: Mein Umfeld hatte sich geändert  – ich hatte keinen Kontakt mehr zu Leuten, die so was konsumieren. Ein anderer Freundeskreis ist essentiell !!!! Es ist schwer rauszukommen, wenn Leute mit denen man sich trifft, noch drinstecken.

ARWED: Zwischendurch hattest du aber auch noch Tiefpunkte?

Benny: Ja, ich hatte zwischendurch schon mit dem Gedanken gespielt, wieder zu konsumieren. Aber ich hätte es nicht wahrgemacht, weil die Leute, die den Stoff verkaufen, mich abgestoßen haben, davon wollte ich mich abgrenzen. Dazu wollte ich nicht mehr gehören.

ARWED: Dennoch dauerte es nach der Entgiftung noch sehr lange gedauert, bis du dein Leben wieder selbst in die Hand genommen hast und Dinge selbst erledigen konntest. Was hat dir dabei geholfen?

Benny: Meine Eltern haben in ihrer Elternselbsthilfegruppe in Köln „Motivierende Gesprächsführung“ kennengelernt. Der Druck meiner Eltern am Anfang hat Gegendruck erzeugt – später haben sie mich eher motiviert – mich zum Nachdenken bewegt. Sie haben dann nicht mehr immer nur gedrängt, sondern mich mehr unterstützt. Man blockt automatisch ab, wenn man gedrängt wird, bevor man irgendetwas eine Chance gegeben hat. Es gab auch einen Beratungstermin für mich in Köln bei einer Drogenhilfeeinrichtung. Die Kölner Jungs waren gut. Die haben sich nicht abwimmeln lassen. So “ja,ja,-mäßig“ hat bei denen nicht funktioniert. Sie haben unterstützend geholfen, waren nicht so fordernd und hatten mehr Verständnis. Das war eine Wellenlänge – auf Augenhöhe – nicht so von oben herab. Mein Besuch dort hat einen großen Stein ins Rollen gebracht. Sie haben einen Kontakt hergestellt zu einem Sozialarbeiter vor Ort und der stand dann eines Tages vor meiner Tür in der Notunterkunft, weil ich einfach nicht ans Telefon gegangen bin. Da konnte ich nicht weg und musste ihn reinlassen. Das meine ich mit, nicht abwimmeln lassen. Wenn er dann da ist, quatschst du auch mit ihm. Von der Notunterkunft her kannte ich eigentlich nur diese „Alibi-Besuche“. Sozialarbeiter kommt rein – es liegt ein großer Berg Gras und ein großer Berg Pep vor dir und der sagt nur, ach, ich sehe, Sie sind versorgt, und haut wieder ab.

ARWED: Und durch diesen Kontakt kamst du dann ins Ambulante Betreute Wohnen (BEWO) und es wurde ein Hilfeplan erstellt. Wie war das?

Benny: Erstmal war da voll der Berg, und du musst den Berg erstmal durcharbeiten. Du musst gucken, was dein Job ist, welche Aufgaben du machen musst, um den Berg anzupacken. Da muss man aber erstmal hinkommen irgendwie. Mein Betreuer hat mir da sehr geholfen. Es wurde auch ein Kochkurs veranstaltet, wo ich mit meinem Betreuer regelmäßig hin bin. Die Rezepte habe ich schon oft nachgekocht. Die weiteren Schritte kamen nach und nach – Papierkram sortiert –  Antrag auf Sozialhilfe – die eigene Wohnung – Führerschein – irgendwann ein Praktikum – Abitur nachgemacht – Freundin …. Zu der Zeit als ich konsumiert habe, war ich mit mir selbst nicht zufrieden. Es ging mir einfach schlecht. Ich kam mit mir selber nicht klar. Ich war unglücklich, wenn ich in den Spiegel geschaut habe. Das bin ich jetzt einfach nicht mehr, deshalb habe ich nicht mehr so den Drang nach der Sucht. Ich definiere mich als mich selber jetzt. Ich genieße auch die gute Resonanz von meinem Umfeld. Was mir jetzt besonders gefällt: dass ich die anderen Genüsse des Lebens wieder kennengelernt habe. Den Sinnen nüchtern schmeicheln.  Natur – frische Luft – Sonne im Nacken beim Wandern – irgendwann lernt man halt nur noch die Drogen lieben und das Gefühl auf Droge und die richtigen Sachen, die das Leben noch zu bieten hat, nicht.

ARWED: Fazit – Was hat geholfen?

Benny: An erster Stelle die motivierende Gesprächsführung – und die Unterstützung durch das Betreutes-Wohnen-Programm. Die Arbeit der sozialen Einrichtungen ist enorm wichtig! Das ist Hilfe im wahren Leben und nicht in einer Klinikatmosphäre. Nicht versuchen, dem Betroffenen etwas aufzudrücken, wozu er (noch) nicht bereit ist. Auf Augenhöhe mit den Betroffenen sprechen und nachhören, wozu er bereit ist. Den Betroffenen etwas anbieten, worauf diese sich in dem jeweiligen Stadium einlassen können – zieloffener arbeiten. Mehr Angebote in Richtung Freizeitaktivitäten, Möglichkeiten des Austausches Betroffener unterstützen – Selbsthilfe für Betroffene. Es muss Alternativen geben zur Stationären Therapie, denn der geringe Anteil der Leute, die diese Therapien machen, spricht für sich. Es muss mehr Möglichkeiten geben, dass auch niedergelassene Therapeuten Suchtpatienten ambulant behandeln. Die Einbindung der Familie, wenn es möglich ist, kann sehr viel bewirken! Da wird sehr viel Motivationsarbeit geleistet! Patient und Angehörige mehr in die Behandlung einbinden !

Unser ARWED-Fazit aus dem Interview mit Benny

Eine Ausweitung in die breitere psychosoziale Arbeit bei der Behandlung der Drogensucht ist dringend notwendig!

Zu dieser Einschätzung kommt auch Dr. med. Dr. P. H. Stefan Weinmann, Psychiater und Psychotherapeut im Vivantes Klinikum am Urban in Berlin. Er bestätigt genau das, was Benny erlebt hat. Im Interview, das im Deutschen Ärzteblatt PP, Heft 3 März 2019 veröffentlicht wurde betont Dr. Weinmann die Wichtigkeit der Einbindung des sozialen Umfelds und bestätigt, dass: Eine gute, vertrauensvolle Beziehung zwischen Therapeut und Patienten ist essentiell. Soziale Parameter wie Lebensqualität, Arbeit, soziale Teilhabe und soziale Beziehungen müssen viel stärker bei der Behandlung berücksichtigt werden. Die Betroffenen müssen stärker in ihre Behandlung einbezogen werden, denn sie seinen diejenigen, die sagen können, was hilfreich ist und was nichts bringt. Es werden individuelle Therapien benötigt und ein umfassender Blick auf den Einzelfall. Er wünsche sich eine höhere Bereitschaft, schwer psychisch Erkrankte auch ambulant zu behandeln. Die Niedergelassenen müssen starker Teil der gemeindepsychiatrischen Versorgung werden. Lesen Sie hier das vollständige Interview:
„Psychotherapeuten müssen raus aus ihren Behandlungszimmern“ https://bit.ly/2CnhGzO?