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„Mama, mir ist kalt!“

Youtube-Link zur Videobotschaft der ARWED

Wenn unsere Sorgenkinder mit dem Winterbeginn wieder vor der Tür stehen…

Obdachlosigkeit und der Winter – der Kampf um Unterkunft

An dieser Stelle möchten wir Danke sagen an Anna, die von September bis Ende Oktober mit einer freien Autorin an einem Tagebuch geschrieben hatte, das wir veröffentlichen wollten. Darin hätte sie uns teilhaben lassen an den Versuchen, ihrem Sohn vor dem Winter zu helfen. Es wäre ein sehr eindrucksvolles Tagebuch geworden mit Erfahrungen, die viele von uns so gut kennen. Dann kam der so genannte „Lockdown light“ – und Anna braucht ihre ganze Kraft nun für sich selbst. Sie bat uns, das Tagebuch nicht zu veröffentlichen, sie könne nicht mehr.

Wir haben sie als sehr pflichtbewusste Person erlebt, die an einem Tagebuch geschrieben hat, das uns berührte, ohne uns in einen Sog von Verzweiflung zu ziehen. Es war selbstbestimmt, selbstbewusst und reflektiert. Und sehr viel weniger sensationslüstern als vieles, was medial diese Krise begleitet. Sich so mitzuteilen kostet in der Tat Kraft.

Danke, Anna! Später vielleicht?

Wir haben einige „Ortsgespräche“ geführt und Daten recherchiert.
Das Ergebnis brachte Bastian Pütter, Redakteur der Straßenzeitung von bodo e.V. auf den Punkt: „Einen aktuellen Überblick über die Situation in ganz NRW hätten alle gern. Ich kenne keinen, der ihn hat!“

Das heißt für uns Eltern: Wir müssen selber schildern, was wir vor Ort erleben und erfahren – und uns laut zu Wort melden, was fehlt!

Schreibt uns! – Tut es auch für Anna und alle Mütter und Väter unter uns, die sich in der gleichen Situation befinden. Damit sie sich nicht alleine fühlen und Eure Solidarität spüren! Was sind Eure Erfahrung in den Städten und Gemeinden von Nordrhein-Westfalen?


Ortsgespräche

Niedrigschwellig?

Es gibt die eine Sicht: Alle tun ihr Bestes, um Menschen auf der Straße zu versorgen,  Notschlafstellen sind offen, Einrichtungen haben kreative Ideen in der Corona-Krise entwickelt. Die reichen aus – auch im aktuellen Lockdown „light“?

Es gibt eine andere Sicht, die nicht wenige in der Landschaft der Anlaufstellen teilen: Das Problem ist – wegen Corona – viel umfassender als „nur“ die Frage der Unterkunft bei Nacht: dauerhafte Verschlechterung der Stimmung auf der Straße; Zunahme der eh schon vorhandenen Ängste gegenüber Unterkünften wegen möglicher Ansteckung; drastische Zunahme psychischer Störungen und Verelendung; Substitutionszahlen sinken.

Was zudem auffällt: Die Sichtweisen (und Herangehensweisen?) von Suchthilfe und Wohnungslosenhilfe sind nicht unbedingt identisch. Menschen in der Wohnungslosenhilfe oder Jugendhilfe zeigen eher mehr Verständnis für den Rückzug und die Skepsis der Klienten.

Hinzu kommt der Dschungel der Hilfesysteme und Sozialgesetzbücher. Zitat des Praktikers Erik Bedarf vom VSE Ruhr (Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen NRW e.V.) „Es gibt schon geeignete Hilfen – die aber hinter fürchterlichen Hürden lauern.“

Und nicht nur das System der vielen Sozialgesetze werde von nicht wenigen „gesprengt“, sondern auch Konzepte der Umsetzung von Hilfen. Darum müssten sich auch die Träger „niedrigschwelliger“ Angebote für zum Beispiel Süchtige schon lange fragen, ob ihre Definition von „niedrig“ die richtige sei.

Ansichtssachen

Bastian Pütter, bodo e.V., über die Situation in Dortmund:

Vor Corona sahen Beratungs- und Unterstützungsangebote vieler Träger so aus: Ein bunter Strauß, aus dem man sich Puzzlestücke nach eigenem Bedarf raussuchen konnte. Und dann beim längeren Verweilen in einer Beratungsstelle, einem Cafe etc. ins Gespräch kam mit den Helfern und spontan weitere Anliegen anbringen konnte – niedrigschwellig eben. Mitarbeiter haben dann auch gelegentlich zwischen Suchthilfe und Betroffenen vermittelt – wenn es mit der Suchthilfe Stress gab.

Seit März blieb viel geschlossen, wurde mit Hygieneauflagen und begrenzter Besucherzahlen nur teilweise wieder geöffnet.  Kontaktmöglichkeiten wurden hochschwelliger, spontane Meldung von Nöten, Anliegen extrem erschwert.

„Da kommt noch was auf uns zu, weil der Zugang zur Beratung viel schwerer wurde. Wir bekommen ein riesiges Präventionsproblem – Einsamkeit fördert verstärkten Konsum, Betroffene kommen zu spät um Hilfe an“

„Die Sammelunterbringung in Notschlafstellen war schon immer ein Problem. Hygienekonzepte gegen Corona scheinen viele nicht zu überzeugen – was die Angst gerade bei Drogenabhängigen verstärkt, sich dort anzustecken.“

Jan Sosna, Kick, Dortmund:

Es gab vor einiger Zeit eine von der Stadt durchgeführte Befragung unter (älteren) Wohnungslosen: Kennt ihr die Angebote in der Stadt?
So gut wie alle Angesprochenen wussten Bescheid – aber die entscheidende zweite Frage sei nicht gestellt worden: Warum nehmt ihr sie dann so wenig in Anspruch? 

Das Thema sei nicht neu und einige der Gründe kenne man: Angst, beklaut zu werden; schlechte Erfahrungen mit privaten Betreibern wie European Homecare, die als billigster Anbieter Ausschreibungen gewann; teils zu hoher eigener Kostenbeitrag für die Übernachtung;

Was sich seit März verändert habe: Wohnungslose, Bettler, Drogenabhängige sind im Stadtbild noch präsenter – teils mit „Bettenburgen“ kaum 200 Meter neben einer Notschlafstelle.

Während sie sich vor dem Lockdown oft erst nach 16 Uhr, wenn die niedrigschwelligen Angebote geschlossen hatten, in der Stadt verteilten, waren sie jetzt den ganzen Tag sichtbar – was Bürgeranfragen und politische Aufmerksamkeit auslöste.

Beispiel Café-Bereich: bis März meist mit bis zu 50 Personen besucht; dann kam der Lockdown und die zeitweise Schließung. Mit denn dann folgenden Coronaschutzverordnungen durfte das Angebot nur noch in deutlich reduziertem Ausmaß – für maximal 10 Personen wieder hochgefahren werden. Und wie geht es jetzt weiter? Eine Art Hilfe „To go“ (was viele angeboten haben) sei nur ein karger Ersatz für gemeinsames Essen, Kaffee trinken, sprechen.

„Alle fragen sich: Wie soll das im Winter werden?“

Alexandra Gebhardt, bodo, ergänzt: „Nicht nur Einrichtungen waren zu, auch WCs in Kaufhäusern, öffentliche Wasserspender wurden aus Hygienegründen geschlossen; Lunchpakete ersetzen keine zwischenmenschlichen Kontakte. Und was ist das für eine Hygieneanpassung, wenn aus 4-Bett-Zimmern 3-Bett-Zimmer wurden? Bei einem Privatanbieter mit ungeschultem, schlecht bezahlten Personal?

Immerhin: Ab November soll in Dortmund eine Schlafstelle für 18 bis 25-jährige neu eingerichtet werden, die schon länger in Planung war; den Zuschlag bekam european homecare. Kritik an dem Träger gibt es seit Jahren (zB bei dessen Flüchtlingsunterkünften): eher Verwahrung als Unterstützung.

Eric Bedarf, VSE Ruhr – zum Thema Lüge und Vertrauen: „Wir betreuen oft Heranwachsende bis 28 Jahre. Das sind Prozesse, die zwei Jahre dauern können. Das A und O ist, dass man ihnen zuhört und nicht gleich Verdacht schöpft, auch wenn man ahnt, da schummelt einer. Auch bei einem solchen Verdacht muss man respektvoll mit dem Menschen umgehen. Wir sind gut, wenn sie sagen: ‚Hier hört man mir zum ersten Mal zu, ich werde gesehen und akzeptiert.‘“ Sein Credo: nicht bewerten! Seine Erfahrung mit Menschen, die Systemen ausweichen: „Die sagen: ‚Die haben mir nicht zugehört. Die haben mich nicht verstanden. Die begreifen nicht, warum ich Angst habe für eine Diagnose zum Arzt zu gehen.‘“

Bianca Lindenhain von der Drogenhilfe Düsseldorf  sieht die Lage in Düsseldorf deutlich entspannter – vielleicht, weil die Stadt „mehr Geld“ habe? Ihre Notschlafstelle mit abschließbaren Spinden im Spindraum, einem Aufenthaltsraum und 1-, maximal 2-Bett-Zimmern sei weiterhin offen, ebenso das Kontaktcafe, dessen Öffnungszeiten sogar erweitert wurden, es ist jetzt schon morgens offen von 9 bis 16 Uhr. Aber auch sie hält landesweite Aussagen für kaum möglich.


Fakten zur Wohnungslosigkeit

Quelle: Berichterstattung 2019 in Nordrhein-Westfalen; Sozialberichterstattung NRW. Kurzanalyse 01/2020

Es sind doppelt so viele wie 2015!

In NRW hat sich die Zahl der erfassten wohnungslosen Personen in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Grundlage der Daten: durch freie Träger der Wohnungslosenhilfe untergebrachte bzw. betreute Wohnungslose und kommunal und ordnungsrechtlich untergebrachte Wohnungslose.

Es geht um unsere Söhne und Töchter!

Die am stärksten von Wohnungslosigkeit betroffene Altersgruppe sind jüngere Menschen zwischen 18 bis 30 Jahren –  2019 waren es 25 Prozent der erfassten Fälle. 71,7 Prozent in der Altersgruppe von 25 bis unter 30 sind Männer.
Frauen kommen in den Notunterkünften kaum an. Sylvia Rietenberg, Projektkoordinatorin des Housing-First-Fonds beim Paritätischen NRW, erklärt auf Nachfrage der ARWED dazu: „Sie fürchten sich vor Gewalt und Übergriffen. Sie bräuchten eigentlich auf Frauen spezialisierte Einrichtungen, die in der kommunalen Wohnungsnotfallhilfe gerade im niederschwelligen Bereich oft nicht angeboten werden.“

Der Weg heraus wird immer schwerer!

Seit 2019 steigt die Zahlen derjenigen, die länger als zwei Jahre untergebracht waren – auf jetzt fast 50 Prozent. Das war in den Jahren davor anders.

Lieber in die Stadt – auch wenn es dort zu eng ist?

Wohnungslosigkeit konzentriert sich in (Groß-)Städten. Als Gründe werden vermutet: ein sehr angespannter Wohnungsmarkt dort; aber auch ein größeres und vielseitigeres Angebot von Hilfseinrichtungen und Unterkunftsmöglichkeiten, das wohnungslose Menschen aus dem Umland „anzieht“. Zahlenbeispiele (Juni 2019): in den kreisfreien Städten wurden im Durchschnitt 32 Wohnungslose je 10 000 Einwohner in den Kreisgebieten  im Durchschnitt 22 wohnungslose Personen je 10 000 Einwohner gezählt. Mit dieser Spanne: zum Beispiel 5 wohnungslose Personen je 10 000 Einwohner in Mülheim an der Ruhr – und bis zu 71 wohnungslose Personen je 10 000 Einwohner in der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Lieber bei Bekannten, in Wagenburgen oder Gartenlauben unterschlüpfen als in Unterkünften!

Mehr als 35 Prozent der 2019 gezählten Personen waren bei Bekannten untergekommen. Das gilt vor allem für wohnungslose Frauen. Und nur ein Bruchteil der Wohnungslosen werden in Notunterkünften untergebracht.


ARWED- Fazit: Wir als Eltern halten das System mit aufrecht!

Unter Corona-Bedingungen wird es enger in den Unterkünften, die für viele schon zuvor nicht die bevorzugten Orte waren. Was würde geschehen, wenn wir als Familie oder wenn Freunde nicht immer wieder die Tür aufmachen? Würde das jetzige System zusammenbrechen? Auf jeden Fall würde das Ausmaß der Obdachlosigkeit für alle Bürger in NRW deutlich erkennbar auf unseren Straßen, Plätzen und Parks zu Tage treten!

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Eine Antwort zu “„Mama, mir ist kalt!“”

  1. xy-ungeloest sagt:

    es gibt viel zu wenig Übernachtungsmöglichkeiten
    vor allem für Frauen, die häufig als Gegenleistung für
    Schlafplatz sexuelle Dienste leisten (müssen )

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